Rund Ærø, Hajo's Bericht

Geschrieben von Hajo Massel
10.-12. Juni 2016, Ærø-Rund

Zugegeben, Regattasegeln ist nicht jedermanns Sache. Andererseits kenne ich auch kaum Segler, die sich überholen lassen ohne nochmal hier und dort den Trimm zu prüfen. Die Formel ist ganz einfach: 2 Boote = 1 Regatta. Warum also nicht auch mal ganz offiziell um die Wette segeln?

Speziell an Fahrtensegler in der Region um Kiel richtet sich die Regatta "Ærø-Rund". Sie führt ca. 45 sm über Nacht von Kiel in den kleinen Belt, um die Untiefentonne Skrams Flak (südlich zw. Lyø und Avernakø) und weiter zum Ziel bei Ærøsköbing. Nach dem Zieldurchgang segelt man noch weiter bis Marstal, wo am Samstagabend die Siegerehrung stattfindet. Sonntag gibt es eine weitere Wettfahrt: von Marstal zurück in die Strander-Bucht, ca. 28 sm. Wir haben in diesem Jahr zum zweiten Mal an dieser außergewöhnlichen Regatta teilgenommen und sind wieder total begeistert. Zu unserer Crew gehörten: Conny Massel, Holger Kloft, Thomas Peters und ich (Hajo Massel).

Gleich nach Feierabend machen wir uns auf den Weg nach Kiel. Trotz kleinem Stau erreichen wir rechtzeitig unsere SUB DIVO, erleichtern sie erstmal um unnötigen Ballast und machen uns dann belegte Brötchen und heißes Wasser für die Nacht. Nachdem wir die Startunterlagen mit einem Erinnerungsglas und einer Buddel „Rum-um-Ærø“ in Empfang genommen haben, treffen wir die anderen Teilnehmer um 18:30 h bei der Steuermannsbesprechung. In diesem Jahr sind 116 Boote angemeldet – so viele wie nie zuvor. Für die Wertung werden jeweils 9 bis 12 Boote mit vergleichbaren Yardstick-Werten zusammengefasst. Wir gehören mit acht weiteren Booten zur Gruppe YS 101-103.

Es bleibt noch etwas Zeit für ein warmes Abendessen. Ich hatte dafür am Donnerstag unser Alster-Training geschwänzt und eine leckere Bolognese gekocht. Um 20:00 h starten wir die Maschine und verlassen den Hafen. Den ganzen Tag hatte es mit 4 Bft. aus NO geweht, nun nimmt sich der Wind eine kleine Pause. Wir messen gerade mal 2 Bft. Blöd ist, dass die Welle noch nachläuft. Trotz Groß und Genua bekommen wir keinen Druck in die Segel, aber das geht den anderen ja auch nicht anders. Gestartet wird in 3 Gruppen mit einem Abstand von 5 min. Wir gehören zur mittleren Startgruppe und kommen im Gedränge recht gut, wenige Sekunden nach 21:05 h, über die Startlinie. In Luv von uns hat sich im letzten Augenblick ein 40-Fuß Boot geschoben. Zum Glück deckt es uns noch nicht völlig ab und so kommen wir trotz allem einigermaßengut in Fahrt. Das Feld fächert sich auseinander. Wir suchen uns auf gemäßigtem Am-Wind-Kurs möglichst weit in Luv des Feldes freien Wind, ohne uns in blödsinnige Luvkämpfe zu verwickeln. Das klappt trotz der schwierigen Verhältnisse ganz gut.

Etwa eine Stunde nach dem Start setzt eine schöne gleichmäßige Brise um 8-10 kn (3 Bft.) ein. Es geht mit gut 5 kn durchs Wasser voran. Die Wellen sind kleiner geworden und passen jetzt zum Wind. Unseren Kurs haben wir etwa 10° östlicher als den Direkten gewählt. Abfallen können wir immer und südlich von Ærø soll uns gemäß Strömungskarte des BSH ein leichter Strom nach Westen versetzen.

Über der Schlei sendet die Sonne unter tief stehenden Wolken ihre letzten Strahlen aus. Nach und nach beginnen die Positionslaternen der anderen Schiffe zu leuchten. Vor uns weiß, rechts sehen wir rot und links grün. Bei über hundert Booten sieht das sehr beeindruckend aus.

Stündlich wechseln wir uns an der Pinne ab. Und alle zwei Stunden legt sich einer in die Koje um wenigstens etwas Schlaf zu bekommen. Ganz dunkel wird es die ganze Nacht nicht. Im Norden bleibt ein rötlich-gelber Lichtbogen über dem Horizont. Schade, Sterne sind nur vereinzelt zwischen den Wolken zu sehen. Zu meiner großen Verwunderung nimmt auch nachts unter dunklen Wolken der Wind zu. Unter der Küste von Ærø haben wir zeitweise 18 kn scheinbaren Wind. Eigentlich etwas zu viel für die Genua und das volle Groß, aber zum Reffen können wir uns nicht durchringen – die Wolke ist ja bald vorbei, und ein Vorsegelwechsel kommt erst recht nicht in Betracht.

Beim Leuchtturm Skjolnäs quert auf einmal ein anderes Boot, hoch am Wind, auf gleichem Bug und nur etwa drei Meter vor uns unseren Kurs. Schreck in der Nacht. Wir sind wieder wach. Den hatten wir hinter der großen Genua überhaupt nicht gesehen. Kurz überprüfe ich Kurs und Segeltrimm. Deren Kurs führt direkt zur Wendemarke und die Höhe, die der läuft, schaffen wir auch. Wir brauchen nur das Vorliek der Genua etwas stärker durchzusetzen und zusätzlich noch etwas mehr Spannung auf das Backstag zu geben. Mit 30 m Versatz runden wir eine halbe Stunde später die Tonne. Nun geht’s mit halbem Wind und entsprechend geöffneten Segeln mit 6-7 kn auf Ærøsköbing zu. Das Ziel in der Bucht vor der Halbinsel Urehoved erreichen wir um 4:45:59. Die 45 sm haben wir in einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 5,86 kn zurückgelegt – fast 1:15 h schneller als im letzten Jahr. Eine Minute vor uns geht ein anderes Boot aus unserer Gruppe durchs Ziel, die hätten wir gern noch überholt. Wo unsere anderen Konkurrenten sind, ist völlig unklar. Bei so vielen Teilnehmern verliert man sich aus den Augen, nachts erst recht.

Während im Nordosten die Sonne über dem Horizont aufgeht, segeln wir entspannt durchs Mørkedyp und weiter nach Marstal. Wir sind glücklich, erstaunlich wenig müde und freuen uns über den wunderschönen Morgen und die erfolgreiche Wettfahrt. Sogar das Anlege-Bier schmeckt um kurz vor 8 – wer hätte das gedacht. Bei schönstem Sonnenschein legen wir uns schließlich im Laufe des Vormittags in die Kojen.

Am Abend gibt es dann in der großen Sporthalle von Marstal dänisches Buffet und anschließend die Preisverleihung. Als unsere Wertungsgruppe an der Reihe ist, höre ich erst unseren Bootsnamen und dann meinen. Ich werde abwechselnd blass und rot. Hab ich richtig gehört? Conny, Holger und Thomas grinsen über alle Backen und bestätigen mir so das gehörte: 3.Platz von 9 !!! Wie geil ist das denn?

Am Sonntag klingelt dann um 7:00 h der Wecker. Das Motto des Wochenendes lautet: „Aktive Erholung“. Langes Ausschlafen ist da nicht vorgesehen. Waschen, Frühstücken, Boot klar Schiff machen. Um 8:50 h legen wir ab und reihen uns in den Stau vor der Haufenausfahrt ein. Im Fahrwasser zur Ansteuerungstonne kommt der Wind mit 4 Bft. direkt von vorn – also SO. Wir entschließen uns, wieder mit vollem Groß und Genua zu starten. Erst gehen wir mit Groß und Maschine in Warteposition, um im Gewusel einen besseren Überblick zu behalten. Kurz vor dem Start stoppen wir dann die Maschine und setzen die Genua. Eine Wende und wir laufen mit großer Geschwindigkeit auf die Startlinie zu. Mir geht das zu schnell, also gebe ich Kommando: Segel auffieren. Wir warten. 30 Sek vor dem Start geben wir wieder Gas. Als der Startschuss fällt, geht der größte Teil des Feldes über die Linie. Nur wir nicht. Ich hatte den Abstand falsch eingeschätzt und wir brauchen geschlagene 90 Sek. bis auch wir die Linie passieren - ärgerlich.

Um richtig in Fahrt zu kommen, luven wir erst mal 20° an. Als wir eine vor uns segelnde größere Yacht in Luv überholen wollen, zieht sie auch höher. Erst spielen wir mit, dann fallen wir kräftig ab und gehen auf direkten Kurs. Dieses Spiel wiederholt sich noch ein paar Mal. Mal sind wir die Überholten und mal die Überholer. Auf halber Strecke muss das gesamte Feld zwischen den Fahrwassertonnen 1 und 4 hindurch. So zieht sich die Flotte noch mal kurz zusammen bevor sie sich wieder in die Freunde des Luvbogens, die Liebhaber des Leebogens und die Geradeaus-Fahrer auffächert. Die Ziellinie in der Strander Bucht ist mit ca. 300 m ungewöhnlich lang ausgelegt. Wir haben bei leicht diesiger Sicht Mühe, das Zielschiff auszumachen. Für uns liegt die Tonne eh günstiger, also nehmen wir direkt auf sie Kurs. Um 14:04:39 h passieren wir die Linie. Die 28 sm haben wir in etwas weniger als 4 h zurückgelegt. Super. Jetzt noch ein Stündchen bis in unseren Heimathafen Stickenhörn und dann Boot klarieren und ab nach Hause. Um 21:00 h beginnt das erste Spiel unserer Nationalmannschaft bei der EM.

Aufgrund der extrem langen Ziellinie hatte die Wettfahrtleitung große Probleme, alle Boote exakt zu identifizieren. Das Endergebnis stand dann auch erst am Dienstagmittag fest. Nach berechneter Zeit sind wir knapp am 3. Platz vorbei geschliddert. Schade eigentlich, aber spannend war es trotzdem und unser Entschluss, im nächsten Jahr wieder teilzunehmen steht schon jetzt fest. (www.aeroe-rund.de)

Vielleicht findet sich ja eine SGE-Crew, die sich mit uns auf AGENA oder ARIELLE messen möchte?

Ahoj
Hajo