18. Juni - Einsame Strände

Seit zwei Tagen sind wir wieder unterwegs. Nordwärts. Gestern ging es entlang der litauischen und später der lettischen Küste bis nach Lipaja, und heute weiter bis Pavilosta.

Lettland, wir kommenSorry, Silja und Jan, ich mag es ja kaum noch erwähnen, aber wir hatten beide Tage leichte 3 Bft aus West-Südwest und Sonne satt. Heute bin ich den ganzen Tag nur in Shorts gesegelt. Einfach unglaublich. Das einzig nervige ist, dass immer noch eine relativ hohe Dünung steht. Eigentlich gar nicht schlimm, wenn es der leichte Wind schaffen würde, genug Druck in die Segel zu pusten. So schlagen die Tücher bei jeder Welle hin und her. Kein schönes Geräusch. Außerdem stört es die Stille und meinen Mittagsschlaf. Gestern hat es dabei sogar einen Schäkel vom Baumniederhohler gelöst und verbogen. Da musste ich doch tatsächlich meine Werkzeugkiste rauskramen und das Teil reparieren. Und ihr glaubt, ich mach hier nur Urlaub!

Sehr aufregend war auch die Ausfahrt aus der Memel bei Klaipéda. Wir hatten nachts – so wie man es sich wünscht – Regen und ein starkes Gewitter. Dazu ca. 6 Windstärken. Als wir um 10:00 h den Kastelhafen verlassen haben, haben wir vorsorglich ein Reff ins Großsegel gebunden und die kleine Fock angeschlagen. In der Mündung stand – wie zu erwarten – eine diffuse See mit Wellen von teilweise 3 Metern. Der Wind kam genau von vorn. Die Strömung von achtern. Ich hatte ganz schön Schiss. Mit den 7,5 PS meiner kleinen 34 Jahre alten 1-Zylinder-Maschine mussten wir da durch. Zum Glück gab es keinen weiteren Schiffsverkehr, so dass wir durch diagonales Kreuzen des Fahrwassers das Großsegel zur Stabilisierung der Schlingerbewegungen heranziehen konnten. Nach 30 Minuten waren wir aus dem Wellenbad heraus und konnten die Fock setzen und der Maschine einen Auszeit gönnen.

Wolken gibt es nur am HorizontMal abgesehen von zwei-drei Ferienorten, ist die Küste hier scheinbar völlig unbewohnt/unberührt. Das heißt: die letzten nahezu 100 km Küstenlinie waren ein einziger, unendlicher weißer Sandstrand. Dahinter Dünen und Kiefernwälder und scheinbar keine Menschenseele. Die Wassertemperatur beträgt inzwischen ca. 14°C, am Strand bestimmt 2° mehr. Noch recht frisch, aber bei der Einsamkeit sieht ja niemand den klein geschrumpften Pint. Wer also immer schon mal an den einsamsten Strand der Welt wollte, hier wäre er richtig.

Zwischenstation haben wir in Lipaja, dem früheren Libau gemacht. Der Yachthafen liegt zentrumsnah direkt an einer kleinen Hafenpromenade vor alten Speichern, die zu Hotels und Bars ausgebaut wurden. Den Ort selbst habe ich nur auf einem kurzen Rundgang gesehen. Ich konnte mich gar nicht dafür begeistern und habe deshalb such kein einziges Foto gemacht. Eine seltsame Mischung aus uralten Holzhäusern, heruntergekommenen Altbauten und noch weiter herunter gekommenen sozialistischen Wohnungsbau. Sicherlich tue ich der Stadt und ihren Bewohnern damit unrecht, aber: Nö, war nicht meine Stadt.

Pavilosta hingegen ist ein kleiner beschaulicher Fischerort. Viel gesehen habe ich noch nicht, aber die Atmosphäre ist hier sehr wohltuend. Anleger für Yachten gibt es auf beiden Seiten des Hafens. Einlaufend rechts (westlich) sind wir von einer hübschen jungen Frau herangerufen worden. Links (östlich) forderte uns ein junger Mann auf, anzulegen. Ratet mal, für welche Seite wir uns entschieden haben? Später kam noch ein weiterer (deutscher) Segler herein. Er lehnte das Angebot der Hafenmeisterin mit den Worten ab: Die Seite ist zu einsam. Angeblich gibt es auf der anderen Seite ein Restaurant, zu dem der Steg gehört, aber das werden wir erst morgen ergründen. Jetzt ist es 23:37 h Ortszeit. Ich sitze bei einem (?) Glas Rotwein im Cockpit unter der fantastischen Kuchenbude (=Cockpitzelt) - das von der besten Segelmacherei meines Vertrauens gefertigt wurde. Das Beste daran ist das Moskito-Netz im Heckfenster. Draußen suchen die Biester jede Masche ab ob sie nicht doch hindurchkommen. Zum Nordwesten ist es noch relativ hell. Ich mach mal schnell ein Foto. Klick.Pavilosta nachts um halb 12

 

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