10. Juli - Eingetaucht in eine andere Welt

Schon bei der Einfahrt nach Helsinki zeigten sich die ersten Unterschiede zur bisherigen Küste. Aus Strand, Dünen und Steilküsten wurden Felsen, aus Inseln wurden Schären. Lediglich die Kiefern und Birken blieben, wirkten auf den Schären aber lichter, heller, anziehender. Als Holger und ich am Montagvormittag Helsinki verlassen, ist am Himmel keine Wolke zu sehen. Zum Frühstück im Hafen waren fast die kurzen Shorts schon zu viel Kleidung. Wind aus SW war eher schwach, aber wir wollten segeln und wir haben gesegelt. Die Navigation ist hier deutlich anspruchsvoller als im bisherigen Törnverlauf. Scheinbar überall sind Kardinaltonnen, dazu auch einige Lateraltonnen, kleine und große Leuchttürme, Richtfeuer und Leitmarkierungen zu sehen.

Flakholmen

Anfangs fällt es uns schwer, die für uns wichtigen Markierungen von denen anderer Schifffahrtsrouten zu unterscheiden. Der Maßstab hat sich geändert. In der Natur und natürlich auf den Karten. Haben wir sonst 1 – 2 Seemeilen Abstand vom Ufer gehalten, so sind es hier 0,1 – 0,2 sm und häufig noch weniger. Die Tonnen liegen oft nicht mehr ca. 1 Seemeile auseinander sondern so nah, dass man gar nicht glaubt, schon dort zu sein. Da wir kreuzen müssen, können wir auch nicht einfach von der einen Tonne zur nächsten segeln. Aber Dank des Kartenplotters (GPS mit grafischer Darstellung der Seekarten, wie beim Auto-GPS) und der Papierkarten finden wir unseren Weg und tauchen bald ein in die wunderbare Welt des finnischen Schärengartens. Um sicher zu gehen, nicht irgendwann in eine mit großen Steinen „verminte“ Sackgasse zu geraten, halten wir uns an die markierten Fahrwasserstraßen. Diese gleichen jetzt zur Hauptsaison Autobahnen. Ein Boot segelt hinter dem anderen, die Motorboote rasen hier alle in Gleitfahrt, und Gegenverkehr gibt es natürlich auch. Es fehlt nur die Mittelleitplanke.

Es bedeckt sich langsam und wird richtig kühl. Shorts und Shirts weichen wärmerer Kleidung. Vereinzelt fallen ein paar Tropfen, für Regenbekleidung aber nicht genug. Der Wind schläft ein und kommt nach kurzer Verschnaufpause aus Nord-Ost mit angenehmen 3-4 Bft. Spi Wind! So schnell wie noch nie haben wir alle Vorbereitungen abgeschlossen und bei stehender Genua setzen wir die große graue Beule. Jetzt räumen wir das Feld von hinten auf. Zuvor waren die meisten mit Maschine unterwegs und die wenigen Segelnden kamen aus einem Nebenfahrwasser und brauchten nicht wie wir zu kreuzen. Nun fahren oder segeln alle wie an der Perlenschnur die „Schärenautobahn“ entlang. Die meisten bleiben rasch hinter uns. Ganz großes Kino! Der Background zum Film ist atemberaubend schön. Der Wind hat inzwischen die Wolken vertrieben und wir segeln wieder „sub divo“ - unter freiem (blauen) Himmel.

LinloWestlich der Porkkala-Halbinsel nehmen wir die Ausfahrt und kreuzen bei 4-5 Bft tief in den Sandöfjärden. Immer wieder liegen große Steine und kleine Inseln im Weg, denen wir geschickt ausweichen. Es macht unheimlich viel Spaß bei solchen Bedingungen zu segeln, zu navigieren, zu leben. Auf der Insel Linlo (60°01,265 N / 24°25, 650 E) legen wir in einer wunderbar geschützten Bucht an. Ein Segelclub aus der Nähe hat hier einen Steg, ein paar Mooringstonnen, ein Plumpsklo, eine überdachte Grill- und Feuerstätte sowie ein Holzlager angelegt. Fehlt nur noch die Sauna. Wir lassen es uns gut gehen, feuern unseren Grill an, Braten dazu Kartoffeln und grinsen dabei über alle Ohren. Am nächsten Morgen haben wir beide den gleichen Gedanken: Ab ins Wasser. Herrlich. 22,8°C vermeldet unser Bordthermometer. Besser geht nicht. Aber es sollte noch besser werden. Bei 3 Bft Wind aus SW konnten wir den größten Teil des Tages wunderbar segeln. Oft hatten wir lange Anlieger, manchmal mussten wir kreuzen und dann und wann konnten wir ein Schrick in die Schot geben und richtig Speed machen. Das ganze – mal wieder – bei wolkenlosem Himmel. Wer nicht gerade steuert, kümmert sich um den optimalen Segeltrimm. Auch an die Navigation im engen Schärenfahrwasser haben wir uns inzwischen gewöhnt. Ganz so chaotisch wie vor Helsinki ist es hier auch nicht. Nach ungezählten Wenden kommen wir schließlich in den Barösund, ein etwa 10 sm langer schnurgerader „Graben“ zwischen großen Inseln. Der Wind kommt genau von vorn. Zum kreuzen ist es hier zu eng. In unserem Törnführer steht, dass es hier teilweise so eng ist, dass man im Vorübersegeln Blaubeeren pflücken könnte. Wir bergen die Segel und tuckern die nächste Stunde, bis wir auf halber Wegstrecke zur Ankerbucht an der Schäre Flakholmen kommen (59°55,76 N / 023°46,85 E).

Wir werfen das erste mal unseren leichten Alu-Anker aus – angeblich der beste Anker der Welt. Beim dritten Versuch gräbt er sich endlich so fest ein, dass wir keine Sorge haben, mit dem Bug an die Felsen gedrückt zu werden. Die Felsen gehen hier so steil ins Wasser, dass man auch längsseits – wie am Kai – festmachen könnte. Dazu passt die Windrichtung allerdings nicht. Die Landleinen binden wir um Bäume und nutzen ebenfalls erstmalig die Steinanker, die uns Silja und Jan zum Abschied geschenkt haben. Prima Sache! Vielen Dank nochmals. Neben uns macht ein Finne und später ein Charterboot mit Deutschen Gästen an Bord fest. Da diese nur über einen Buganker mit schwerer Kette verfügen, legen sie „römisch-katholisch“ an, also mit dem Heck zum Felsen. Wohlwissend, dass es durch leicht zu Beschädigungen am Ruder kommen kann, halsten sie ca. 2,5 m Abstand. Die Lücke überbrücken sie mit einem notdürftig aufgeblasenen Schlauchboot, quasi als Ponton. Im Laufe des Abends geht der eine oder andere auf dem wackeligen Ding zur Freude aller anderen über Bord.

Teppich Wasch StationAuch der nächste Morgen – Mittwoch, der 10. Juli – beginnt mit einem Bad in den Fluten. Diesesmal zeigt das Thermometer allerdings nur 19°C . Gut erfrischt machen wir Frühstück und es beginnt zu nieseln. Wind gibt es keinen. Wir legen ab, und fädeln uns in den Verkehr auf dem Highway. Aus Niesel wird Regen, dann ist es mal eine Stunde trocken und das Spiel beginnt von vorn. Die gestern noch bezaubernde Schärenwelt bekommt jetzt etwas mystisches. Die tiefen Wolken wabern wie Nebel zwischen den Inseln. Die Sicht wird durch Regenfälle immer wieder stark eingeschränkt. Trotzdem verliert die Kulisse nicht an Reiz. Da der Wind bis zum Abend seine Auszeit beibehält, bleiben die Segel heute unten. Am späten Nachmittag erreichen wir das finnische Segel-Mekka Hanko. Ein vergleichsweise großer Yachthafen mit angeschlossener Partymeile empfängt uns. Wir gehen Pizza essen und fragen die hübsche blonde Kellnerin, wo heute Abend denn die beste Party läuft. Im Grönan in der Innenstadt machen wir unseren ersten Versuch. Tote Hose. Zurück am Hafen beginnt in einem Kneipenrestaurant gerade eine Band zu spielen. 10€ Eintritt und wir sind dabei. Die Stimmung ist super, das Bier mit 6€ gerade noch bezahlbar, und das eher etwas ältere Publikum sehr interessant. Gegen 2:00 h ist Zapfenstreich.

Heute scheint die Sonne wieder. Ich sitze im Schatten und schreibe. Holger drängt zum Aufbruch. Der Wind kommt aus Nord mit 3 Bft. Es wird Zeit die Leinen zu lösen und Segeln zu gehen.

 

Voriger Tag | Übersicht | Nächster Tag

Anmeldung