18. Juli - Wind, Wellen, Tuckerboote ...

Seit vorgestern bin ich in Mariehamn (Åland) und gestern morgen habe ich Holger zur Fähre nach Stockholm gebracht. Leider ist mit ihm auch das wunderbare Wetter gegangen. Seit gestern Mittag gibt es immer wieder starke Regenschauer und vor allem sehr viel Wind. Ich hoffe, Nele und Torsten bringen am Sonntag wieder Sonnenschein mit. Naja, es gibt schlechtere Häfen, um einen längeren Aufenthalt zu verbringen.
  Abendstimmung in DegerbyDer Wind mit 5-6 Bft ist geblieben, aber der wolkenlose Himmel ist nach 12 h Auszeit zurück. Da macht es doch erst richtig Spaß, dem sportlichen Aspekt des Segelns zu frönen. Dazu hatten wir an drei aufeinanderfolgenden Tagen (Montag 15.Juli bis Mittwoch 17.Juli) ausgiebig Gelegenheit. Der Reihe nach. In Näsby hatten wir mal wieder gute Bedingungen, um unter Segeln abzulegen. Das liebe ich ganz besonders. In dem engen Fjord war es sehr böig und immer wieder verursachten Schneisen im Uferverlauf für starke Winddreher. Mit der kleinen Fock hält sich die Arbeit bei Wenden aber wunderbar in Grenzen, so dass uns keine Mühe zu viel war, auch in engen Fahrwassern zu kreuzen. Vor uns tauchte eine Kabelfähre auf. Natürlich an einer der engsten Stellen. Einfach anhalten, ist beim Segeln ja immer so eine Sache. Klar, bei Wind von vorn, sind die Voraussetzungen denkbar gut – im Gegensatz zu achterlichem Wind. Aber bei den heftigen Böen und Drehern muss man trotzdem höllisch aufpassen. Wir hatten Glück. Etwa 200 m vor uns querte die Fähre unseren Kurs. Bis sie wieder zurück fährt, sollten wir durch sein. Auch der Wind hatte ein Einsehen. In einem langen Zieher konnten wir ohne zusätzlichen Kreuzschlag die Fährlinie passieren.

Wenig später öffnete sich der Fjord und die volle Wucht des Südwest-Windes empfing uns. Dank des seglerischen Know-How von Holger, hatten wir in wenigen Minuten das 2. Reff ins Groß gebunden und konnten hoch am Wind den neuen, jetzt auch deutlich welligeren Bedingungen, trotzen. Auf Steuerbord tat sich nach West-Süd-West eine große Öffnung zwischen den Schären auf. Der Fahrwasserweg sollte uns später durch eine Enge nach Westen führen, also wieder in sehr beengten und sicherlich auch böigen Verhältnissen. Ein schneller Blick in die Karten und unsere Entscheidung stand fest. Wir gehen Off-Road. In großen Kreuzschlägen näherten wir uns so dem Fahrwasser, welches uns an das gewählte Tagesziel führen sollte. Eigentlich wollten wir ja zur Jungfruskär. Aber die Gute lag uns mit ihrem nordwärts geöffneten Einschnitt zu ungeschützt in der Gegend herum. Der Wind sollte am Abend auf Nord drehen, und dann wären wir in einem Trichter gefangen... Statt dessen haben wir den Hafen von Enklinge (60°1 9,65 N / 20°45,93 E) angelaufen und damit den nördlichsten Punkt dieser Sommerreise erreicht. Wir machten neben einer MAXI 27 fest, und bekamen schnell Kontakt zu Matthias und Nina aus Turku. Beim gemeinsamen Grillen konnten wir unsere Erfahrungen in Finnland und mit Finnen im besonderen austauschen. Unsere Vorurteile – insbesondere bezüglich des Alkohol-Konsums - sind in keiner Weise bestätigt worden. Wir haben bisher nicht miterlebt, dass Finnen nach dem Motto leben: Halbbesoffen sei herausgeschmissenes Geld. Matthias meinte, dass es davon allerdings doch viele gäbe, und dass das insbesondere auf Segler zutreffe, aber Nina bestätigte unsere Erfahrungen.

Am nächsten Morgen (Dienstag, 16.Juli) war die angekündigte Winddrehung eingetroffen. Es wehte mit gut 5 Bft aus Nordwest mit Böen im satten 6er Bereich. Unser nächstes Ziel Degerby auf Degerö liegt Südsüdwestwärts, ideale Bedingungen um die 22,5 sm in Rauschefahrt zu absolvieren. Statt einen möglichen geschützteren inneren Schärenweg zu nehmen, entschieden wir uns für das relativ offene Teilstück durchs „Teili Delent“. Zeitweise konnten wir die ca. 75 cm hohen Wellen abreiten und haben dabei – trotz kleiner Fock und 2-fach gerefftem Groß – 9,8 kn Speed erreicht. Da leuchteten nicht nur meine Augen! Sehr verbreitet in den Schärenhäfen sind Mooringtonnen, die in der Regel zur Befestigung der Heckleine von 2 Booten genutzt werden. Es gibt spezielle Schnapphaken, die am Ende eines etwa 1 m langen Edelstahlrohres montiert sind. Am anderen Ende wird die Heckleine angeknotet. Der Hacen lässt sich sicher von Deck aus ins Auge (in die Öse) der Tonne einklinken und schon hat man eine sichere Leinenverbindung. Solch einen Haken haben wir nicht. Meist befindet sich das Auge etwa 50 cm über dem Wasser und bei SUB DIVO’s geringem Freibord ist es kein Problem, die Heckleine einfach hindurch zu führen.

In Degerby lag an der anvisierten Tonne bereits eine andere, deutlich größere Yacht. Durch den Zug durch deren Heckleine befand sich das Auge in Höhe der Wasserlinie. Im ersten Anlauf haben wir das Auge verpasst. Im Zweiten konnte Holger unter vollem Körpereinsatz den Ring fassen. Allerdings blieb der Palstek am Ende der Leine am Auge hängen, und als Holger nur noch mit einem Fuß und einer Hand an der Fußreling hing, konnte er die Leine durchziehen und nach akrobatischen Verrenkungen wieder an Bord kommen und die Leine schließlich auf die Heckklampe legen. Respekt. In der Zwischenzeit war unser Bug durch den starken Seitenwind vertrieben, so dass wir quer von der Lücke zwischen den Booten lagen. Also, noch mal zurück und einen neuen Anlauf nehmen. Die Leine wäre mit 40 m aber immer noch viel zu kurz. Außerdem kam ich rückwärts gar nicht weg, weil ich mit dem Kiel durch die Ankerleine der Moorringtonne gestoppt worden bin. Das hatte aber den glücklichen Vorteil, dass sich der Bug wieder in die Lücke drehte und ich mit einem beherztem Druck auf den Gashebel im Vorwärtsgang doch noch in die Lücke gekommen bin. Großes Hafenkino, mit Happy End.

Am späten Nachmittag traf in Degerby eine Flotte von 55 Tuckerbooten ein, offenen traditionellen Holzbooten, meist mit sehr kleinen Maschinen, die deshalb auch nicht schneller als 5 kn laufen – im Gegensatz zu den modernen "Flitzern". Als wir am Abend die obligatorische Sauna aufsuchten, kam auch eine ganze Horde von den Leuten aus den Tuckerbooten dort hin. So lernten wir die echte finnische Sauna kennen. Wichtigstes Element ist mindestens eine Dose Bier. Dazu viel Wasser für Aufgüsse im 20 Sekundentakt. Handtuch in der Sauna – völlig daneben. (Einige Saunen hatten beschichtete Papiertücher angeboten, hier nicht – störte aber auch niemanden.) Und dann wird natürlich ordentlich getratscht - nicht die sanatorische Grabesstille, wie sie in deutschen Saunen üblich ist. Wir kamen schnell in Kontakt und haben viel gelacht.

Tuckerboote

Auch Holgers letzter Segeltag am Mittwoch, 17. Juli, war wieder ein echtes seglerisches Highlight. Nach wie vor hatten wir sonnige 5-6 Bft aus Nordwest. Nach dem Ablegen in Degerby ging es eine Stunde auf Halbwind-Kurs  südwestwärts über den Föglö-Fjärden. Mit uns zahlreiche andere Boote. Das obligatorische Rennen war eröffnet und wir konnten – nachdem wir das Groß ausgerefft hatten – sehr gut gegen deutlich größere Boote mithalten. Dem einen oder anderen haben wir auch unser schönes Heck gezeigt. An der Südspitze Lemlands (59°55,5 N / 20°11 E) ging es durch eine schmale Lücke durch eine vorgelagerte Schäre. Durch den Düseneffekt der Landmassen steigerte sich der Wind auf knapp 7 Bft. Vorausschauend hatten wir kurz vor Erreichen der Düse das Großsegel wieder gerefft. Direkt in der Lücke nahmen wir dann auch die Fock runter und kreuzten mit Maschinenunterstützung gegen Wind und Wellen.

Auf einmal sagt Holger: „Schau mal nach Achtern!“. Etwa 400 m hinter uns kam eine große Fähre, die offensichtlich auch durch diese enge Lücke wollte. Als Elbsegler ist man ja große Schiffe gewohnt, aber die Elbe ist auch breit und die Schiffe fahren „nur“ ca. 10 kn. Diese hier war deutlich schneller, machte dafür aber NICHT durch lautes Getute auf sich aufmerksam. Nun ja, da ich jetzt gerade gemütlich im sicheren Hafen von Mariehamn sitze, konnten wir offensichtlich rechtzeitig das Fahrwasser verlassen. Kurz nach der Enge haben wir die Fock wieder gesetzt und den zweiten Teil des Tagestörns schön gegen den Wind gekreuzt. Die vielen „Gegner“ des ersten Abschnittes tuckerten auf direktem Kurs Mariehamn entgegen, waren aber nicht wesentlich früher dort. Mariehamn ist das Segelmekka der Finnen und Schweden. Wir liegen im Osthafen und damit gleich am Zentrum. Am Ufer gibt es ein Restaurant neben dem anderen und überall wird Live-Musik gespielt, jeden Abend, den ganzen (kurzen) Sommer lang. Das dürfte wohl der wichtigste Grund für die Beliebtheit von Mariehamn sein. Ich werde hier bis Sonntag bleiben. Holger hat heute Morgen die Fähre nach Stockholm genommen. Vielleicht segle ich allein noch in den Westhafen. Von dort ist der Weg kürzer zum Fähranleger. Am Sonntag kommen dort nämlich Nele und Torsten mit großem Gepäck an.

 

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