28. Juli - Chaotische Wellen und Seenebel

Kuestennebel

Mittwoch, 24.Juli 10:00 h. Wie erwartet, war der Hafen von Mariehamn schon halb leer, als auch wir die Leinen lösten und uns auf den Weg nach Schweden machten. Der starke Wind der letzten Tage hatte sich ausgepustet und mit ihm waren die letzten Wolken verschwunden. Mit einem leichten NNO-Wind setzten wir außerhalb des Hafens die Segel und folgten dem betonnten Fahrwasser SSO-wärts. Mit uns zahlreiche andere Segelyachten und ebenso viele Motorbratzen. Einige Segler trauten dem Wind noch nicht und hatten ihrem Großsegel gleich 2 Reffs verpasst. Klar, dass wir sie im Handstreich überholten. Ebenso klar, dass sie das nicht auf sich sitzen ließen und ausrefften. Da es sich ausnahmslos um deutlich größere Boote handelte, kamen sie langsam wieder auf und damit war auch klar, dass wir unseren Spi rauskramten um dies zu verhindern. Die Gegenreaktion blieb jedoch aus, und so freuten wir uns, um das Feld der Segler Slalom zu segeln.

Nachdem wir um die letzten südlich von Mariehamn gelegenen Schären herum waren, konnten wir auf Kurs WSW gehen und wenig später kamen wir aus den Windschutz der Inseln. Die Wind wehte hier mit 4-5 Bft. Neben der Windstärke hatte sich aber auch die Windrichtung auf NNW geändert. Nach anfänglichen Versuchen mit Spi, Genua und vollem Groß Kurs zu halten, musste erst der Spi weichen, wenig später die Genua gegen die Fock ausgetaucht – eine äußerst nasse Angelegenheit – und schließlich auch das Großsegel 2-fach gerefft werden. Ich muss ja zugeben, dass ich durchaus vorab gewarnt worden bin, dass die Alandsee – die Seestraße zwischen den Alandinseln und Schweden – ein sehr unruhiges Gewässer ist, aber glauben kann man es erst, wenn man das erlebt hat. Es gibt für mich auch keine logische Erklärung, warum sich auf über 100 m Wassertiefe eine derart hohe und vor allem kurze Welle aufbaut. Nach den stürmischen Winden der letzten Tage lief die Strömung weiterhin südwärts, der Wind wehte nach wie vor in dieselbe Richtung, trotzdem dieses eigentlich "Wind gegen Strom"-typische Wellenbild. Nicht schön. Das war auch der Grund, warum ich beim Vorsegelwechsel so nass geworden bin. Gleich mehrfach sind meine Unterschenkel – knieenderweise – überspült worden. Zu dem Zeitpunkt hatte ich allerdings noch Shorts an, so dass die Abkühlung nicht weiter schlimm war.

Paradiesviken nachts um halb 12Mit zunehmender Dauer mussten wir kleidungstechnisch allerdings nachrüsten, der Wind war auf Dauer einfach noch zu kühl. Spannend war dann gegen 17:00 h die Einfahrt in die schwedischen Schärenwelt vor Arholma. Die ca. 1,5 m Wellen klatschten an die blanken Granitfelsen. Tonnen oder andere Seezeichen gibt es dort nicht. Wir verlassen uns wieder auf unseren Kartenplotter und nehmen kurz vor der Einfahrt das Großsegel herunter. Nur mit Fock bei achterlichem Wind segeln wir in den Sund, immer mit wachsamen Auge nach überspülten Steinen. Vor uns brachen auf ganzer Breite die Wellen. Nach Karte und in Natur steigt hier der Meeresgrund von ca. 70 m auf 7 m. Nach vier, fünf hohen Wellen sind wir darüber hinweg und auf einmal haben wir gar keine Wellen mehr. Die bewaldete Felsenlandschaft fließt an uns vorbei. Traumhaft. Zweimal ändern wir unseren Kurs nach Steuerbord, dann tut sich nach 42 zurückgelegten Seemeilen der Naturhafen „Osthamn“ von Arholma vor uns auf (59°50 N / 19°07 E). Am Gästesteg sind alle Plätze belegt. Der Versuch, am äußersten Rand noch an den Steg zu gehen, müssen wir mangels Wassertiefe abbrechen. Freie Ankerplätze sind auch rar. Im Sund hatten wir schon ein paar Segelboote in unser Größe gesehen, die einen sicheren Platz am Felsen suchten. Wir fuhren wieder aus der Bucht heraus. Die Suche der andern schien wenig erfolgreich zu sein. Die anvisierten Felsen waren wohl nicht geeignet und die Suche ging weiter. Wir entschieden uns noch mal in die Bucht zu fahren. Zufall, Glück oder beides: ein kleines Motorboot verließ gerade den Gästesteg. Hebel auf den Tisch und hin. Die Lücke war schon fast wieder zugetrieben, aber ein Schwede auf der 40-Fuß-Segelyacht links von der Lücke winkte uns heran. Heckanker raus und mit langsamer Fahrt drückten wir die Lücke wieder auf das erforderliche Maß. Der Heckanker hielt mal wieder nicht wirklich, aber wir lagen geschützt und die gelegentlichen Berührungen des Bugs am Holzsteg dämpften wir durch einen Fender. Rechts neben uns lag ein Motorboot, dessen Crew offensichtlich gerade aus der Bastu (der schwedischen Sauna) kam. Während sich Nele und Torsten wieder auf Betriebstemperatur brachten, bereitete ich alles für Bratkartoffeln und Grillung vor. Wenig später qualmten neben unserem mindestens 8 weitere Grills auf den Felsen und in den Sitznischen am Steg. Trotz der "Menschendichte" hatten wir wieder mal ein äußerst  idyllisches Fleckchen Erde für uns entdeckt.

Am nächsten Morgen wurden wir dann noch mit frisch gebackenem Brot und Baguette versorgt und nach einem – wie immer – sehr ausgiebigen Frühstück machten wir uns wieder auf den Weg. Während im Hafen noch schönster Sonnenschein herrschte, waberten Nebelschwaden durch den Sund, ein wunderbares Naturschauspiel. Bei 2 Bft segelten wir immer wieder in Nebelbänke hinein uns nach kurzer Zeit auch wieder heraus. Eine ganz neue Erfahrung für uns. Dann näherten wir uns dem Hauptfahrwasser, auf dem die großen Fähren, Kreuzfahrt- und Frachtschiffe von und nach Stockholm fahren. Wir konnten noch einen kurzen sonnigen Blick auf das RoRo-Terminal von Kapellskär nehmen, dann wurde der Nebel dichter, sehr viel dichter. Die Fähren begannen zu tuten. Unser Kurs führte uns rechtwinkelig über die Fährlinie, also auf dem kürzestem Wege, aber ohne AIS hätte ich mich wohl nicht getraut, das Fahrwasser zu queren. Als wir auf der Nordwestseite ins Hauptfahrwasser hinein segelten – immerhin mit 6,5 kn Fahrt – war die „WIKING ROSELLA“ noch 7,5 sm entfernt. Als wir am gegenüberliegenden Rand das ca. 0,5 sm breite Fahrwasser verließen, war der Abstand auf 0,7 sm gesunken. Als Elbsegler ist uns das ja nicht unbekannt, aber bei Nebel ...

Toscana oder StockholmDer Nebel blieb für die nächsten 24 Stunden, mal lichter mal dichter. Unser Ziel war die Schärengruppe Höglöga auf 59°35,77 N / 19°09,79 E. Soweit wir es im Nebel erkennen konnten, können wir die Beschreibung im Törnführer bestätigen. Wunderschön, sogar bei Nebel. Zur Abwechslung schien der Heckanker dieses mal zu halten. Da wir jedoch mit dem Bug direkt im Wind lagen, kam es auch zu keiner wirklichen Belastungsprobe. Auf der Insel haben wir dann noch einen erstaunlich gut sortierten Kaufmannsladen aufgesucht und das erste Mal eine schöne Bolognese-Sauce gekocht. Es schien, als ob sich der Nebel am nächsten Morgen (Freitag, 26. Juli) verziehen würde, aber dann kam es noch viel dicker. Um 10:40 h ging der Anker bei leichtem Nebel auf und um 11:00 h betrug die Sicht gerade mal 3 Bootslängen. Mit langsamer Fahrt bei maximal 1 Bft fuhren wir auf einem betonnten Nebenfahrwasser. Off-Road wäre kürzer, aber ohne Sicht... nö, nö, besser nicht. Nun ist es aber so, dass auf den Fahrwassern logischerweise auch andere Boote unterwegs sind. Merkwürdigerweise begegnet man den meistens an Tonnen an, denen sich die Richtung ändert. Das ist auch bei Nebel nicht anders. Plötzlich tauchten Boote 25 m vor Einem aus der Nebelwand auf. Der Seitenabstand betrug im engsten Fall gerade mal 10 m. Richtig brenzlig wurde es zum Glück nie, aber unheimlich auf jeden Fall. Ein einziges (Motor-)Boot gab Schallsignale. Dem Trööt haben wir kurz darauf mit einem kräftigen Tuuut geantwortet. Aber das war auch der einzige. Wir hatten seitdem immer wieder ins Horn geblasen, Antworten gab es nicht. Statt dessen wieder Entgegenkommer mit geringem Seitenabstand. Langsam kam etwas Wind auf, 2-3 Bft, also segelbar.

Den Nebel kümmerte es wenig. Gut, gestern waren wir trotz Nebel gesegelt, aber irgendwie war es heute auch unheimlicher. Neben der schlechten Sicht hatte der Nebel auch noch die unangenehme Eigenschaft, kalt zu sein und ständig die Brille zu beschlagen. Ich hatte gerade noch zum Spaß vorgeschlagen, unseren Nebelgrauen Spinnacker zu setzen, da entwickelte sich die dicke Suppe langsam zu Schlieren, das Grau in Grau wurde zu Blau und Grau und dann: Sonne, blauer Himmel, blaues Wasser, grüne Kiefern, roter und grauer Granit, mindestens 25 °C. Auf einmal wurde uns wieder vor Augen geführt, dass wir uns im wunderschönen Stockholmer Schärengarten befanden. Klar, dass wir jetzt sofort die Segel gesetzt haben, und den Rest der Strecke auf das Getuckere unseres einzigen Schweden an Bord verzichtet haben. Zufälligerweise hieß unser Tagesziel „Paradisviken“ (59°28,5 N / 018°48 E). Obwohl mindestens 60 Boote in dieser phantastischen, nahezu allseitig umschlossenen "Badewanne" vor Anker lagen, kam es uns dort paradiesisch vor. In der Vik wehte eine schwache Brise, sodass die Hitze sehr gut zu ertragen war. Das übrige tat ein Bad im 21 Grad warmen Wasser. Zum Abend gab es noch einen schönen Spaziergang ins nahe gelegene Finnhamn und anschließend ein nicht enden wollender Sonnenuntergang bei T-Shirt-Temperaturen.

WasaZur Überraschung von Nele und Torsten habe ich – nachdem wir uns an der Ankerleine vom Felsen fortgezogen haben – nicht die Maschine gestartet, sondern die Genua hochgezogen. So konnten wir Slalom um die frei ankernden Yachten segeln und schließlich das Großsegel setzen. Eine kurze Kreuz führte uns zum Südausgang der Vik und ca. eine Seemeile weiter konnten wir nach Steuerbord abfallen und auf der Schärenautobahn mit halben Wind Kurs Stockholm nehmen. Die zweite Überraschung bestand darin, dass ich mich nun an die wiederholte Reparatur der Toilettenpumpe machte und Nele und Torsten die Schiffsführung überließ. Es war schön, den beiden zuzuhören. "Wo ist denn jetzt die nächste Tonne?" - "Na da, rechts neben dem Segler" - "Neben welchem Segler?" - "Vorsicht, Wellen!" - "Wo ist denn nun die Tonne?" ... Das "Vorsicht, Wellen!" galt meist mir, der mit Schraubendreher und –schlüssel bewaffnet vor der Kloschlüssel kauerte und herumwerkelte. Die Warnung wiederholte sich mindestens ein mal in der Minute. Auf der "Autobahn" war der Teufel los. Es gab wohl keinen Schweden, der an diesem Samstag bei 30 °C und Sonne pur nicht auf dem Wasser war. Die Segler sind ja OK.  Entweder sie kommen von vorn oder wir können sie überholen, aber die Bratzenfahrer ... Als gäbe es nur eine Hebelstellung für den Gaszug – und der ist ganz ganz unten. Wir hatten Schwell wie beim Schlepperballett zum Hafengeburtstag. Trotzdem haben die beiden ihre Aufgabe ganz wunderbar gemeistert und ich meine (hoffentlich) auch. Statt aus einer Kunststoffplatte habe ich dieses mal das gebrechliche Ersatzteil aus Alublech geschnitzt - 3 Stunden Handarbeit mit Puksäge und Feile. Ab Vaxholm habe ich dann die Bootsführung wieder übernommen und wir konnten bis 1 sm vor den Wasahafen in Stockholm segeln. Die herrliche Landschaft wurde immer städtischer und zu sehen gab es mehr als genug. Im zentrumsnahen Hafen – gleich neben dem Wasa-Museum - haben wir dann einen der letzten freien Plätze bekommen. Neben uns Engländer, Franzosen, Holländer, Norweger und natürlich Deutsche, Dänen, Finnen und ein paar Schweden. Sehr international.

Am Sonntag haben wir dann erst mal die obligatorische Stadtbesichtigung absolviert und sind anschließend ins Wasa-Museum. Soviel Knäckebrot habe ich noch nie gesehen ! Quatsch. Die Wasa ist eine wirklich extrem beeindruckende 3-Mast-Galeone, die auf ihrer Jungfernfahrt 1628 nach 1.500 m gesunken ist und nach 333 Jahren im lehmigen Hafenschlick 1961 gehoben wurde. Nach aufwändiger Restaurierung kann man das weitestgehend erhaltene Kriegsschiff besichtigen. Unglaublich beeindruckend. Unbedingt ansehen!

 

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