10. August - Visby

Norddeutsche – insbesondere Hamburger – tun sich ja mit "Verkleiden" meist ziemlich schwer. Nun, wir gehören nicht unbedingt zu den "Anti-Verkleidern" und hätten wir in vollem Umfang gewusst, was uns hier in Visby erwartet, hätten wir uns vielleicht die entsprechende Garderobe eingepackt und mitgespielt. Wovon ich berichte? In Visby findet jedes Jahr Anfang August ein einwöchiges Mittelalter-Treffen statt. Die halbe Stadt läuft in Kleidungsstücken herum, wie man sie im Mittelalter getragen hat. Dazu kommen diverse klassische Handwerker, z.B. Schmiede und Reepschläger, die ihre Handwerkskunst präsentieren. Marktstände mit Wildschweinbratereien, gewebten Tuchen und dem üblichen Schmuck und Schnickschnack – auf Mittelalter getrimmt. Auf Live-Bühnen wird fetzige Leiermusik und Bauchtanz dargeboten. Gaukler gaukeln, Jongleure jonglieren und Feuerspucker spucken Feuer. Es finden Turniere im Tjosten und Bogenschießen statt. In Hinterhöfen tafeln Ritter und Gefolgsleute, in Ruinen ehemaliger Kirchen versammelt man sich zu Konzerten und „mittelalterlicher“ Comedie. Im Hafen hat die Göteborg – ein Nachbau einer 3- Mast-Galeone aus dem 18. Jahrhundet – festgemacht, die Segel hübsch wie im Piraten-Film dekoriert und die Mannschaft läuft in traditionellen Gewändern herum. Alles mit unglaublich viel Liebe zum Detail, was manchmal wirklich sehr komisch aussieht.

Visby bietet für das Spektakel den perfekten Rahmen. Die Stadtmauer um die alte Hansestadt ist weitestgehend erhalten und die Bebauung in der Altstadt ist ebenfalls zum großen Teil Jahrhunderte alt. Noch nie habe ich so viele Ruinen von Kirchen auf engstem Raum gesehen. Teilweise stehen nur ein paar Grundmauern, andere haben noch die kompletten Außenwände und wieder andere auch noch die gemauerten Hauptbögen der ehemaligen Kreuzgewölbe. Beeindruckend. Klar, dass durch die vielen Hobby-Middel-Ager eine ganz außergewöhnliche Stimmung war, die uns begeistert hat. In Tallinn hatten wir ja auch schon Kontakt mit der „Alten Hanse“ und schönen alten Gebäuden, Stadttoren und -mauern. Auch dort liefen einige in Kostümen herum, aber das ganze wirkte doch sehr aufgesetzt und wir haben es als Touristen-Nepp abgetan. In Visby waren es ja vor allem Touristen, welche die Darsteller der Show waren. Dass fast jeder dabei ein Smartphone zum Telefonieren, Fotografieren und ich-weiß-nicht-was in mittelalterlich gestylten Handy-Gürteltaschen mit sich trugen, dazu gern Birkenstocksandalen, und auch gern mit der Plastik-Karte seine Zeche bezahlte, ist nur eine witzige Randnotiz, die ich euch nicht vorenthalten möchte. Wie gesagt, uns hat das ganze Spektakel sehr viel Spaß gemacht und gut gefallen.

RaukaDen zweiten Tag auf Gotland (Sonntag, 11.08.) haben wir für eine Inselrundfahrt im Leihwagen genutzt. Beeindruckend waren die vielen Rauka-Felder (Kalksteingebilde, die durch Erosion bizarre Formen haben), Schiffssetzungen der Goten aus der Bronzezeit und ein riesiger Tagebau zur Gewinnung von Rohstoffen für die Zementherstellung. Ruinen200 km sind wir gefahren und haben dabei gerade mal einen Eindruck von 1/3 der größten Ostseeinsel erhalten. Mit auf der Tour lagen auch 4 Yachthäfen, falls es uns mal wieder nach Gotland treibt. Am Montag wollten wir eigentlich zurück zum Festland oder nach Öland segeln, aber es kachelte mit 6-7 bft aus Süd. Selbst die Mannschaften seegehender Regattayachten wie die TUTIMA, und die SILVA HISPANIOLA haben ihre Heimfahrt von der Europameisterschaft in Sandhamn unterbrochen um in Visby abzuwettern. Dabei stand ein unangenehmer Schwell im Hafenbecken, der durch die harten Kaimauern meist mehrfach an unseren Leinen ruckte. Fürchterlich. Dass die Hafenfacilities darüber keinem Reinheitsgebot der Welt gerecht wurden und auch andere Service-Einrichtungen wie W-LAN erbärmlich waren, erwähne ich nur, weil uns das in diesem teuren Hafen wirklich sehr geärgert hat.

Am Sonntagabend war die AURIGA II wieder zu uns gestoßen und nach der zweiten Stadtbesichtigung – dieses mal ohne mittelalterliches Tamtam – machten wir uns am Dienstag, 13.08. auf den Weg nach Västervik. 54 sm bei südwestlichen Winden zwischen 3 und 5 Bft. Anfangs stand noch eine etwa 1,5 m hohe Restsee der vergangen Starkwindtage, die sich aber bald mäßigte. Kurz vor dem Erreichen des Schärengürtels fing es dann leider an zu regnen. Durchgefroren und müde erreichten wir am frühen Abend den Hafen des Västerviker Segelclubs in Solbergsudde, etwa 3 km außerhalb der Stadt. Brigitte von der Michou – Hallo erst mal – hatte uns den Tipp gegeben. Die Sauna war zwar gerade außer Betrieb, aber sonst hat es uns dort sehr gut gefallen. Eine gute Alternative zum überteuerten Gästehafen der schwedischen Hafenmafia (Zitat von Klaus von der LORBAS, der vor zwei Jahren die Ostseerunde gesegelt hat). Zwischen zwei Gewitterschauern am Mittwochmorgen (14.08.) haben Conny und ich dann noch einen schönen Spaziergang in der Umgebung gemacht und sind dann gegen 14:00 h Richtung Süden aufgebrochen. Leider hat uns sehr bald ein weiteres riesiges Gewittergebiet eingeholt. Der Wind war von Anfang an eher schwach und zu allem Überfluss drehte er im Gewitter auf Süd. So lief Olaf, unser schwedischer Einzylinder, über fünfeinhalb Stunden. Als wir merkten, dass das Gewitter mit uns zog, drosselten wir unsere Geschwindigkeit von 5 auf 4 kn und so war es im letzten Drittel des Tagestörns trocken und wir konnten sogar noch etwas Sonne tanken und immerhin eine Stunde außerhalb des Schärengürtels segeln.

Unser Ziel war das Örtchen Figeholm, ca. 15 km nördlich von Oskarshamn. Logischerweise war es wieder spät, als wir dort nach gut 30 sm eintrafen und so kann ich auch nicht viel über den Ort erzählen. Fest steht auf jeden Fall, dass wir hier nicht zum letzten Mal sein werden. Der Hafen liegt wunderschön und die Sanitäranlagen sind mit Abstand die Besten dieser gesamten Reise. Sauber, großzügig. Duschen unter denen man Nass wird und nicht nur punktuell besprüht und mehrere Waschbecken – was in Finnland und Schweden seltsamerweise eine nennenswerte Ausnahme ist. Schade, dass wir spätestens am Freitag in Kalmar sein müssen, damit Conny von dort ihre Heimreise nach Hamburg antreten kann. Wir wären gern einen Tag geblieben. Das gleich gilt für Borgholm auf Öland. Hier sitze ich gerade und schreibe diese Zeilen. Fast 35 sm sind wir hergekreuzt. Viel ansehen werden wir auch hier nicht. Morgen wollen wir früh starten ...

 

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